
© Stiftung Kinder forschen / Prof. Dr. Aladin El-Mafalaani auf der Fachtagung rund um diefrühe MINT-Bildung des SFBB im Jagdschloss Glienicke.
MINT macht Mut: El-Mafaalani über die Kraft der frühen Bildung
"MINT als Treiber von Chancen- und Bildungsgerechtigkeit" – unter diesem Titel sprach der Bildungs- und Migrationsforscher Professor Dr. Aladin El-Mafaalani am zweiten Tag der Fachtagung "Staunen, Forschen, Verstehen – Kinder entdecken die Welt" des Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitus Berlin-Brandenburg (SFBB). Seine Botschaft an die pädagogischen Fachkräfte war klar: Wer Bildungschancen wirklich gerechter verteilen will, muss früh anfangen. Und dabei sind zwei Bereiche besonders entscheidend: MINT und Sprache.
Zwei Tage lang drehte sich bei der Fachtagung des Sozialpädagogischen Fortbildungsinstituts Berlin-Brandenburg alles um die Frage, wie Kinder ihre Welt entdecken, erforschen und verstehen können. Es wurde experimentiert, diskutiert und ausprobiert – unter anderem zu Mathematik und Naturwissenschaften, Mechanik, Trickfilmen und Sprachbildung.

Larissa Knuth, Referentin Stiftung Fachkräfte für Brandenburg zusammen mit Kira Driller von der Stiftung Kinder forschen.
Soziale Herkunft entscheidet über Bildungschancen – immer noch und immer stärker
Zum Auftakt des zweiten Tages setzte Dr. Aladin El-Mafaalani einen besonderen Akzent.
Mit Blick auf die aktuellen PISA-Ergebnisse stellte er zunächst eine unbequeme Frage: Warum verschlechtern sich die Bildungsergebnisse, obwohl Deutschland gleichzeitig massiv in den Ausbau der Kindertagesbetreuung investiert? Seine Antwort führte direkt in die frühe Kindheit: Denn wenn es um Bildungsgerechtigkeit geht, entscheidet sich nach seiner Einschätzung sehr früh, welche Chancen Kinder später haben. Die Unterschiede nach sozialer Herkunft seien in Deutschland besonders groß. Gerade im Bereich der Naturwissenschaften zeigten sich deutliche Kompetenzunterschiede, die mit der sozialen Herkunft zusammenhängen.
El-Mafaalani verwies dabei auf Entwicklungen über mehrere Bildungsstufen hinweg. Seine zentrale These: Was in der Kita und Grundschule nicht gelingt, kann das weiterführende Schulsystem später nur sehr schwer ausgleichen.
Oder, wie er es zugespitzt formulierte: "Unser weiterbildendes Schulsystem ist nicht in der Lage, irgendwas zu ändern oder zu verbessern, was nicht in der Kita und Grundschule geregelt wurde." Deshalb müsse Bildungspolitik dort ansetzen, wo sie besonders viel bewirken kann: in der frühen Bildung. Daher ging diese Botschaft direkt an die pädagogischen Fachkräfte im Saal: "Ihre Arbeit ist extrem wichtig!"
"Nichts ist einfacher, als Kinder für MINT zu motivieren"
Und hier kommt MINT ins Spiel.
Auf die Frage, welche Kompetenzen in der frühen Bildung besonders gestärkt werden sollten, hatte El-Mafaalani eine klare Antwort: "MINT und Sprache. Das sind die zwei wichtigsten Stellschrauben."
MINT biete dabei einen besonderen Zugang. Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (kurz MINT) seien häufig weniger abstrakt und stärker anwendungsorientiert als andere Bildungsinhalte. Für Kinder bedeutet das: Sie können ausprobieren, beobachten, bauen, entdecken und selbst Lösungen finden.
Genau darin sieht El-Mafaalani eine große Chance: "MINT ist der Bereich für viele Bildungsaufsteiger:innen." Und er macht Mut, Kindern gerade in diesem Bereich viel zuzutrauen: "Nichts ist einfacher, als im MINT-Bereich bei Kindern Motivation zu erzeugen."
Es gibt keine wichtigere Phase in der Kindheit
El-Mafaalani ermutigte die Fachkräfte deshalb ausdrücklich, die Möglichkeiten der frühen Kindheit zu nutzen. Gerade junge Kinder seien außerordentlich lernfähig. Ob Schach, mathematische Zusammenhänge oder naturwissenschaftliche Phänomene: Entscheidend sei, wie es Kindern in dieser wichtigen Entwicklungsphase angeboten werde.
Dabei gehe es nicht darum, Schule in die Kita zu holen, aber sehr darum, Kinder gut auf die Schulzeit vorzubereiten und die besonderen Lernmöglichkeiten dieser Lebensphase ernst zu nehmen und zu nutzen. "Es gibt keine wichtigere Phase als die, in der Sie mit den Kindern arbeiten", sagte er den Pädagog:innen.
Frühe Bildung kann einen Unterschied machen
El-Mafaalanis Blick auf MINT ist eng mit seiner Analyse von Bildungsungleichheit verbunden. Sein Ausgangspunkt: Das deutsche Bildungssystem ist vielfach darauf angewiesen, dass Eltern Lücken schließen.
Wer über entsprechende Zeit, Wissen und Ressourcen verfügt, kann sein Kind zusätzlich unterstützen. Für Kinder aus Familien mit weniger Ressourcen ist das deutlich schwieriger.
Genau deshalb sieht El-Mafaalani in MINT und Sprache zwei zentrale Möglichkeiten, in der Kita anzusetzen. Frühe Bildungsangebote können hier einen Unterschied machen: Wenn Kinder unabhängig von ihrer familiären Situation Zugang zu guten und intensiven Angeboten erhalten, sind ihre Bildungschancen weniger davon abhängig, was zu Hause zusätzlich geleistet werden kann.
Eine Kindheit, viele Ausgangslagen
Gleichzeitig haben sich die Bedingungen, unter denen Kinder heute aufwachsen, stark verändert. El-Mafaalani sprach von Pluralisierung von Familien, verfestigten Armutsstrukturen, Digitalisierung sowie Migration und Superdiversität.
Kinder bringen deshalb heute sehr unterschiedliche Erfahrungen, Voraussetzungen und Wissensbestände mit. Für pädagogische Fach- und Lehrkräfte bedeutet das: Sie können nicht mehr als selbstverständlich voraussetzen, dass alle Kinder dasselbe Vorwissen mitbringen.
Kita und Schule müssen sich aufeinander zubewegen
Ein weiterer Punkt war El-Mafaalani besonders wichtig: Der Übergang von der Kita in die Grundschule. Die Kita müsse Kinder auf die Grundschule vorbereiten. Gleichzeitig müsse sich aber auch die Schule stärker auf die Kita zubewegen und sich intensiver um das Wohlbefinden der Kinder kümmern, denn der Übergang dürfe nicht zu einem Bruch werden.
"Es gibt nichts Schlimmeres als zu sagen: Die Kita war schön und ab der ersten Klasse war es Scheiße." Das sei kein Lob für die Kita, sondern ein Hinweis darauf, dass Kinder nicht ausreichend auf das vorbereitet wurden, was sie in der Schule erwartet. “Und dazu gehören MINT und Sprache.”
"Sie sind wichtig!"
Zum Ende seines Vortrags wurde El-Mafaalani noch einmal persönlich. Er benannte zwei Lücken, die aus seiner Sicht geschlossen werden müssen: Das Potenzial der frühen Bildung werde noch nicht so ausgeschöpft, wie es möglich wäre. Gleichzeitig fehle den pädagogischen Fachkräften für ihre wichtige Arbeit die gesellschaftliche Anerkennung.
Eine dieser Lücken können die Fachkräfte selbst mit schließen: indem sie die Möglichkeiten der frühen Kindheit nutzen und Kindern intensive Bildungsangebote insbesondere in MINT und Sprache machen. Die zweite Lücke – die fehlende gesellschaftliche Anerkennung – könne dagegen nicht allein von ihnen geschlossen werden.
Damit wurde El-Mafaalanis Vortrag am Ende vor allem zu einer Ermutigung. Die pädagogischen Fachkräfte arbeiten in einer Lebensphase, in der besonders viel möglich ist. Sie können dazu beitragen, Potenziale zu entfalten und Kindern unabhängig von ihrer Herkunft wichtige Bildungserfahrungen zu ermöglichen.
MINT und Sprache sind damit für El-Mafaalani zentrale Ansatzpunkte, um das Potenzial früher Bildung zu nutzen – und Kindern bessere Chancen für ihren weiteren Bildungsweg zu eröffnen.
Mit diesen neuen Perspektiven im Rücken, gingen die Teilnehmendem in die abschließenden Workshops.
Wer forscht, der fragt – wer fragt, der forscht
Kinder wollen die Welt entdecken. Es gibt fast nichts, was sie nciht erkunden und entdecken wollen. “Warum? Weshalb? Wieso?” sind die liebsten Fragen. Antworten können Kinder und Lernbegleitungen am besten selbst finden. Denn gemeinsames Forschen bietet viele Sprechanlässe.
In diesem Online-Kurs auf dem Campus lernen Pädagog:innen neun Grundprinzipien kennen, mit denen sowohl das Entdecken und Forschen mit Kindern, als auch die Förderung der Sprachentwicklung gelingt.